Die Angst vor dem Alleinsein wird erst dann in den Hintergrund treten, wenn ich die Freude des All-ein-seins entdeckt habe. Wenn ich tief in meinem Herzen und in meiner Seele und in jeder Zelle meines Körpers das Glück der Verbindung mit dem Urgrund des Seins erfahren habe. Dann wird auch meine Suche nach Liebe und Sicherheit im außen unbedeutend. Dann kann ich mich mit Leichtigkeit über archetypische Ängste erheben und mein Leben selbstbestimmt und freudig zelebrieren.


Als Mensch sind wir von zwei emotionalen Grundrichtungen bestimmt: Angst, Freude. Angst ist eine Warnfunktion unseres psychisch-physischen Systems und hat sich evolutionär entwickelt um unser Überleben bestmöglich zu sichern und uns von dem fern zu halten, was uns schaden könnte. Freude hat den gleichen Ursprung, dient aber als Belohnungsinstanz um uns dorthin gehen zu lassen, wo es uns kurz- oder langfristig am besten geht. Die Angst vor dem Alleinsein ist eine archetypische Grundangst hat also ganz simple und nachvollziehbare Gründe und sobald du diese kennst, wirst du diese Angst in dir selbst und in anderen besser annehmen können und selbstehrlicher durchs Leben gehen.

Lass uns also betrachten, woher die Angst vor dem Alleinsein kommt, was sie uns sagen will und wie wir sie konstruktiv nutzen können um eine Balance zwischen Sicherheit und Romantik, Ferne und Nähe, Stabilität und Abenteuer zu finden.

Die Angst vor dem Alleinsein ist ein archetypisches Gefühl. Sie hat sich über einen sehr langen Zeitraum entwickelt und war immer sehr sinnvoll. Über unsere gesamte menschliche Entwicklungsgeschichte hinweg waren wir als Einzelperson sehr verletzlich und unser Überleben war direkt von dem Schutz einer Gruppe, oder eines Beziehungspartners abhängig. Ähnlich wie ein Kind unbedingt seine Eltern braucht, haben wir über Jahrmillionen eine Gruppe und einen Beziehungspartner GEBRAUCHT um als Person und als Familie zu überleben.

Nur in den letzten 50 Jahren ist die Angst vor dem Allein-sein etwas unverständlich geworden, weil wir in der materialistischen Gesellschaft scheinbar auch ganz gut alleine klar kommen. Ich sage absichtlich scheinbar, weil unsere Emanzipation und Autonomie sofort zusammen brechen würde, sobald das Geldsystem, das Transportsystem, oder einfach nur die Elektrizität unserer heutigen Technologiegesellschaft für einen Moment versagt.

In Krisensituationen gerät Liebe und Romantik nach wie vor sofort in den Hintergrund und all unsere archetypischen Gefühle, wie Eifersucht, Neid, Anhänglichkeit, Wut und Hass kommen zum Vorschein um unser Überleben zu sichern.

Wenn dein Partner dir also heftige negative Gefühle entgegenbringt, dich angreift, oder verzweifelt ist, dann kannst du davon ausgehen, das er seine Beziehung bedroht sieht und Angst vor Trennung und Alleinsein hat. Selbst Menschen, die ziemlich gut lange alleine sein können, entwickeln diese Angst im Laufe der Beziehung, weil sich durch eine Beziehung neue Werte entwickeln, die niemand so gerne wieder verlieren will. Diese Werte können eine Familie sein, körperliche Verbundenheit, seelische Symbiose, gemeinsames Haus, gemeinsame Projekte, aufgeteilter Alltag – kurz, eine Verflechtung auf vielen Ebenen.

All das bricht bei einer Trennung auseinander und es macht sich eine schmerzhafte Leere und Einsamkeit für den Partner breit, der nicht in die Arme und das Bett eines neuen Partners fällt. Davor haben wir alle Angst, und bei manchen ist die Angst sogar so groß, das sie es gar nicht erst wagen, sich in eine neue Beziehung/Verflechtung/Abhängigkeit hinein zu begeben.

Die Angst vor dem Allein sein kann unterschiedlich ausgeprägt sein. Sie kann sehr akut sein, wenn wir von der Fülle einer Beziehung in die Leere des Alleinseins fallen. Sie kann unterschwellig sein, wenn wir noch eine Familie und gute Freunde im Rücken haben. Sie kann absolut unerträglich sein, wenn wir keinen Rückhalt haben. Und sie kann auch nicht vorhanden sein, wenn wir uns direkt von einer schmerzhaften Beziehung in eine neue Beziehung übergehen, mit einem scheinbar besseren Partner.

Warum ist der Schmerz des Alleinseins auch heute noch so stark, in einer Zeit, in der wir auch ohne Partner bestens überleben können?

Archaische Gefühle, Reflexe und Reaktionsweisen, die genetisch vorprogrammiert sind, ändern sich nicht über Nacht. Das kollektive Bewusstseinsfeld und die Genetik haben eine gewisse Trägheit, die absolut sinnvoll ist, denn eine Gefahr, die über Jahrtausende aktuell war, kann jederzeit wieder akut werden, sobald sich die äußeren Umstände ändern. Deshalb wartet unsere innere Intelligenz (die Natur, die Evolution) lieber ein paar Jahrzehnte, ob sich die Angst nicht doch wieder als überlebensnotwendig herausstellt.

Offensichtlich ist, das viele Menschen diese tiefe Angst vor Verlust und dem Alleinsein zur Zeit noch in sich tragen.

In der Kindheit bezieht sich diese Angst hauptsächlich auf die Eltern und die Gruppe in der wir sind. Viele Eltern und Erzieher nutzten die Ängste und Abhängigkeiten von Kindern aus, um sie unter Druck zu setzen und zu erziehen. Nur wenige Kinder lassen sich von ihren Ängsten nicht beugen und stehen zu ihren Idealen, auch wenn die Gruppe, oder die Eltern mit Verstoß drohen und die Angst als Druckmittel benutzen. Für manche Kinder ist die Angst vor dem Alleinsein aber zu groß und bringt sie dazu, sich sozialen Normen anzupassen, egal wie absurd und schmerzhaft sie sind. In der Pubertät rebellieren sie dann gegen alles, was sie einengt und scheinbar als sinnlos erscheint.

Sobald wir uns wirklich auf eine Paarbeziehung einlassen und uns verflechten und verschmelzen wird die Angst vor dem Alleinsein wieder aktiviert. Der Vorteil dieser Angst ist, das sie beide Partner fest aneinander bindet und eine gewisse Bereitschaft erzeugt, auch schwierige Phasen miteinander durchzustehen.

Der Nachteil dieser Angst kann aber auch sein, das beider Partner über Jahre in einer Paarbeziehung verweilen, der sie schon lange entwachsen sind, oder die schlichtweg unerträglich ist.

Die Angst vor dem Alleinsein, kann uns also ebenso retten, wie auch an der Entwicklung hindern.

Die Frage ist nun, wie äußert sich die Angst in deinem Leben und wie kannst du sie in deinem und deines Partners besten nutzen?

  1. Wenn du dich in höherem Alter, oder nach einer schmerzhaften Trennung immer wieder in kurzen Beziehungen wiederfindest, die zu nichts führen außer ein wenig Abenteuer, Aufregung und Schmerz, dann solltest du dringend nach innen schauen und überprüfen, ob du deine Bindungsängste nicht vielleicht in der Angst vor dem Verlassen werden und der Angst vor Einsamkeit begründet sind. Ich sehe es immer wieder in mir selbst und in anderen Menschen, das diese Angst vor dem Absturz aus der Fülle einer Beziehung in das Alleinsein der Hauptgrund für Bindungsängste ist. Viele kurze Beziehungen zu haben ist heutzutage weit verbreitet, weil die Notwendigkeit für stabile Beziehungen nicht mehr gegeben ist und das Leben so sicher ist, das wir uns diese Freiheit erlauben können.
  1. Die Angst kann sich aber auch so äußern, das du zwar einen Partner hast, dich aber nicht ganz auf ihn einlässt. Das der Partner sozusagen nur eine Ablenkung von deinem Schmerz ist. Auch das ist eine sehr verständliche Strategie, sogar eine die meist eine Weile funktioniert, wenn sich zwei verletzte und ängstliche Menschen treffen.
  2. Oder du hast einen festen Partner, hältst dir aber noch Nebenpartner, für den Fall, das dein fester Partner dich verlässt. Und für die Abwechslung. Das ist natürlich für dich eine reizvolle Variante, nur solltest du sicher gehen, das dein Partner davon weiß und die gleichen Möglichkeiten hat. Wenn er das nicht hat und irgendwann herausfindet, das du sein Vertrauen und seine Zuwendung heimlich missbraucht hast, dann wird das meist in einer Trennung enden und du solltest am besten vorher wissen, ob es nicht besser ist, dir deine Ängste einzugestehen und mit deinem Partner darüber zu reden.