Seit Jahrtausenden plagt uns Menschen die seltsame Idee, das wir umso schneller auf unserem Pfad in Erleuchtung und Glück voranschreiten, desto weniger wir uns mit menschlichen Gelüsten abgeben. Askese, Zölibat, Enthaltsamkeit, Klosterleben und Selbstkasteiung sind die Waffen der Wahl für (meist männliche) Adepten, die sich ihren Weg ins Nirwana erkämpfen wollen.

Das könnte vielleicht auch funktionieren, vorausgesetzt, das zuvor das Leben in vollen Zügen genossen wurde und der Suchende nun an einem Punkt ist, an dem er nur noch die höheren Genüsse der Einheit in Liebe anstrebt.

Wer jedoch zu früh mit der sexuellen Abstinenz beginnt, der wird damit nicht allzu erfolgreich sein. Denn wenn unsere sexuelle Lust nie so richtig gestillt wurde, dann baut sich in uns ein sehr großer Hunger nach Berührung und körperlicher Vereinigung auf, der den Geist so sehr beherrschen kann, das Gedanken an göttliche Liebe keinen Einlass mehr finden.

Sexuelles Verlangen ist ebenso schwer zu transzendieren, wie unser Verlangen nach Nahrung und Wasser. Natürlich gibt es Menschen die nicht mehr Essen und Trinken müssen und es gibt bestimmt auch Menschen, die eine höhere Form der Erfüllung gefunden haben, als den Sex, aber diese Menschen sind rar. Wie man an vielen zölibatären Priestern, Nonnen und Mönchen erkennen kann, deren sexuelle Lust unkontrollierbar und in pervertierter Form zutage tritt, klafft oft eine große Lücke, zwischen dem, was die Enthaltsamen sich vornehmen und dem, wozu sie in der Lage sind.

Jeder der schon einmal gefastet hat und dabei wirklich an die Grenzen seiner Reserven gekommen ist, weiß, das sich während dieser Askese jeder zweite Gedanken und auch die nächtlichen Träume um das Essen dreht und das sich die Bedürfnisse unseres Körpers massiv in den Vordergrund spielen. Und getreu dem Motto: „Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach“, wird der Fastende meist auch wieder mit dem Essen beginnen, es sei denn er hat es geschafft lichtere Kanäle der Ernährung anzuzapfen.

Mein Vorschlag ist deshalb, Sexualität bewusst und genussvoll und ehrlich zu leben. Sobald der Hunger danach gestillt ist und ein Großteil der Phantasien ausgelebt sind, wird Platz im Geist für Stille und Meditation.

Natürlich bringt Sexualität auch Verbindung und Verpflichtungen mit sich, vor allem wenn sie ihren Zweck erfüllt und ein Kind in die Welt geschenkt wird. Dann ist meist eher weniger Zeit für Kontemplation übrig 🙂 Was eine schöne Gelegenheit ist, die Meditation in jedem Moment des wilden Lebens zu üben. Eine Prüfung der sich jeder Meister früher oder später unterziehen sollte.