Auch wenn ich mich oft nach Meisterschaft sehne und Menschen bewundere, die scheinbar ihr Leben gemeistert habe: Will ich das wirklich? Bin ich bereit meine kindlichen Interessen wegzulegen und wirklich in Stille, Frieden und Erhabenheit zu leben? Bedeutet das nicht ein distanzieren von der Welt, meinem Beziehungspartner und all den Dingen, die ich für mein Glück zu brauchen scheine? Ich werde mich eingehend mit dem Thema Meisterschaft beschäftigen, bevor ich einem Ziel hinterher laufe, das ich gar nicht erreichen kann.


In vielen spirituellen und zeitgemäßen Beziehungskonzepten findet sich die Idee, das Beziehung nur funktionieren kann, wenn beide Partner total mit sich zufrieden und erfüllt sind und das Leben komplett gemeistert haben. Dann braucht keiner mehr etwas vom anderen und es gibt keine Erwartungen mehr, keine Streits, keine Einengungen. Vor allem nicht den Schmerz der Abhängigkeit.

Was dabei gerne vergessen wird, ist, das es dann auch keinen Energieaustausch mehr gibt. Kein Geben und Nehmen untereinander. Und damit auch keine Beziehung im herkömmlichen Sinne.

Wenn sich zwei Meister begegnen, die in sich komplett sind, die alles in sich finden und nichts vom anderen wollen, oder brauchen, dann entsteht zwischen ihnen keine Beziehung sondern Einheit. Sie erkennen sich als total verbunden und sind in liebender Extase – aber nur für einen Moment. Denn solange sie auf der Erde wandeln, haben sie die Aufgabe ihre Liebe weiterzugeben und die Menschen anzuheben, die sich noch nicht auf diesem Liebes- und Erkenntnisniveau befinden. Und da sie sich gegenseitig als Mensch nichts mehr geben können, werden sie Lehrer-Schüler-Beziehungen zu anderen Menschen eingehen.

Manche solcher Meister behalten dann ihre bisherige Paarbeziehung bei, weil es ja keinen Grund mehr gibt sie gegen etwas anderes einzutauschen, denn sie brauchen ja nichts mehr im außen und von anderen. Andere fallen nach ihrem Erwachen wieder in menschliche Beziehungsmuster zurück und leben ihre sexuellen Leidenschaften aus, was natürlich dann wieder Lust und Leiden erschafft.

Die Idee frustrierter Beziehungspartner, das sich die leidenschaftliche Beziehung voller sexuellem, körperlichem, emotionalem und geistigen Liebesaustausch auch ohne Konflikt und Abhängigkeit erleben lässt, ist leider ein Illusion.

Konflikt und Versöhnung, Erwartung und Erfüllung, Sehnsucht und Begegnung, Lust und Leid gehören alle zum menschlich-körperlich-dualen Dasein. Sie werden deshalb zu gleichen Teilen in jeder unerlösten Paarbeziehung auftauchen. Meist gibt es am Anfang der Beziehung mehr Freiheit und Freude, später dann mehr Konflikt und Leid.

Eine körperorientierte Beziehung mit viel Lust und Sex, aber ohne Abhängigkeit und Leid, ist also keine Option. Innere Meisterschaft zu erlangen, während man leidenschaftlicher Körperlichkeit die höchste Priorität einräumt, ist leider nicht möglich.

Eines der schönen Ziele, die wir als Mensch haben können ist: die tiefe innere Einheit unserer Seelen zu er-leben und auszudehnen. Wenn dies auch das Ziel der Beziehung ist, dann wird ein reger Liebesaustausch zwischen den Partnern entstehen, bis alle Illusionen und Projektionen vergeben sind und die Versöhnung absolut geworden ist.

Wenn das geschehen ist, dann hat die Beziehung ihre Aufgabe erfüllt und beide Meister sind nun wirklich frei vom Leid der Abhängigkeit. Aber auch frei von prickelnder Sehnsucht, aufregender körperlicher Annäherung und den intensiven Gefühlen von Mangel und Erfüllung.

Dieser Zustand ist vergleichbar mit dem Phänomen der Lichtnahrung. Menschen, welche nicht mehr Essen müssen, weil sie so erfüllt sind, das sie Nahrung nicht mehr brauchen, haben den „Genuss“ des Appetit- und Hungerstillens nicht mehr. Ihr Leben ist unabhängiger und friedvoller, aber auf der Oberfläche auch kontrastärmer und leidenschaftsloser. Ihre Freude hat aber dafür eine tiefere Qualität bekommen und vor allem ist sie dauerhaft und nicht auf die kurzen Momente des Mangelausgleichs begrenzt.

Freiheit von Abhängigkeiten hat seine Konsequenzen und es ist sinnvoll diese Konsequenzen zu kennen und nicht mit sturer Verbissenheit dem Ziel absoluter Freiheit hinterherzulaufen, wenn wir gar nicht wissen, was sie bedeutet. Die Freiheit und der Frieden von absoluter Meisterschaft und Selbsterkenntnis ist etwas wunderbares für Menschen die auf dieser Stufe sind, oder für die es der nächste Schritt ist.

Für Menschen die das Spiel der Polaritäten noch sehr spannend finden, ist absolute Freiheit und Unabhängigkeit nur ein nicht realisierbarer Traum, weil sie nicht bereit sind ihre Leiden-schaft für die Liebe aufzugeben. Sie wollen erwachsen sein, ohne ihre Kinderspielzeuge wegzulegen. Das funktioniert leider nicht und meist stehen noch viele Jahre Rebellion und Verzweiflung, Schmerz und Lust an, bis die nötige Reife erlangt wird.

Der Weg der Meisterschaft ist nun mal ein geistiger Weg, auf dem der Körper nur als Ausdrucksmittel dient und nicht zur Lustgewinnung. Meisterschaft wird immer zu mehr Auflösung, Weite und Ewigkeit führen, worin alles materiell-körperliche seine Bedeutung mehr und mehr verliert.

Das ist im übrigen auch der Grund, warum es so wenige Meister auf dieser Welt gibt: Wir alle lieben das Drama, die Aufregung, den Kontrast von Verlust und Gewinn, Leid und Freude, Hunger und Sättigung und die bunte Vielfalt der Welt. Zumindest solange es uns gelingt das grenzenlose Leid dieser Welt, den Tod, das Welken und Vergehen auszublenden.

Wenn wir in unseren Beziehungsverlusten, in unserem Kranksein, in unserem Altern und Sterben erkennen, das das Vergängliche uns nicht dauerhaft glücklich machen wird, dann sind wir an einem Wendepunkt angelangt, an dem wirkliches Wachstum und eine ganzheitliche Umorientierung möglich sind.

Wir können unsere Krisen also nutzen um uns auf das zu besinnen, was ewig und unvergänglich ist. Wir können loslassen von der Glückssuche in unseren Beziehungspartnern und unsere Beziehungen nutzen um Liebe zu geben, bis wir darin Meisterschaft erlangen.