Warum sollte ich mein Ego nicht lieben? Es ist wie ein kleines Soldatenkind, welches etwas naiv, aber sehr direkt auf echte und eingebildete Gefahren gleichermaßen antwortet. Mit Angriff, Verteidigung oder Flucht. Mehr kennt es nicht, weil es halt nicht so der Denker ist. Es ist meine Aufgabe zu erkennen, ob wirklich immer ein Ego Einsatz notwendig ist sobald ich mich bedroht fühle, oder ob ich die Gefühle wahrnehmen und abklingen lassen kann. Letzteres mag gerade in Beziehungen für mehr Liebe und Verständnis sorgen.


Ist dir schon einmal aufgefallen, das wir als Mensch am ehesten das Ego in anderen sehen, wenn wir selbst gerade im Ego sind? Wenn wir also nicht in bedingungsloser Liebe verweilen, sonder uns selbst angegriffen, ängstlich, bedroht und wütend fühlen? Wenn eine Stimme in mir einen anderen Menschen verurteilt, weil er aus seiner Angst heraus seinen Ego-Schutzmechanismus aktiviert und mich damit angreift, dann ist es mein eigenes Ego, welches das sieht und darauf antwortet. Das ist auch völlig in Ordnung, weil Egos genau dafür gemacht sind: Gefahren zu erkennen, durch schmerzhafte Gefühle zu warnen, drastische Schritte einzuleiten um damit das eigene Überleben zu sichern.

Wenn ich wütend auf einen Menschen bin, hat das auf weltlicher Ebene seine Berechtigung. Ich fühle mich ungeachtet, verletzt, ausgenutzt, oder bedroht und da sich dieses Gefühl überhaupt nicht gut anfühlt, springen die inhärenten Schutzmechanismen meines Körper-Geist Systems an und versuchen das zu tun, was seit Jahrtausenden die beste Lösung war: Angriff, Verteidigung, oder Flucht.

Das wäre absolut passend, wenn ich alleine in der Wildnis wäre und mein Leben tatsächlich bedroht wäre. Doch das ist heutzutage nur selten der Fall. Meine derzeitigen Bedrohungen sind „lediglich“, das meine Rechnungen nicht bezahlt werden, das mich meine Partnerin verlässt oder ich den Job verliere. Nur leider fühlt sich das für mich ebenso existenziell an, als ob ich vor 500 Jahren von einer Gruppe bewaffneter Männer überfallen werde, mein Haus angezündet wird und meine Frau verschleppt wird.

Das ist deshalb so, weil Ängste genetisch verankert sind und auch nach mehreren Generationen noch im Hintergrund aktiv sind. Das physische Überleben steht für den Körper an allererster Stelle und so fahren alle Schutzmechanismen (Ego) sofort hoch, wenn Gefahr drohen könnte. Das wirkt heutzutage natürlich absurd, in Zeiten von Wohlstand und mehrfacher Absicherung.

Wenn ich in diesem archaischen Ego-Modus bin, dann habe ich zwei Möglichkeiten. Ich kann dem entweder nachgehen und mein Gegenüber als Egomonster sehen und mich in eine Kette von mental-verbaler Gewalt verstricken, oder ich kann meine Gefühle von Ohnmacht, Wut und Verzweiflung zulassen und erkennen, das ich auch das überleben werde. Diesen Luxus hätte ich vor 500 Jahren nicht, in denen mein Leben tatsächlich bedroht war, doch heute (zumindest gerade jetzt in Deutschland) habe ich ihn.

Heute kann ich einen konstruktiven und hilfreichen Weg gehen, indem ich meinem beschützendem Ego sage:

„Liebes Ego, ich danke dir für die Warnung, die du mir gibst. Du hast Recht, es ist nicht gut für mich und mein Überleben, wenn ich mich ausnutzen lasse und es erlaube, das andere mich schlecht behandeln. Ich werde versuchen meine Grenzen klar und trotzdem mit Liebe zu setzen, auch wenn ich dann wiederum Angst habe, von anderen nicht mehr geliebt zu werden. Ich würde dich aber bitten, mir in Zukunft nicht gleich Mordphantasien zu schicken, nur weil meine Freundin fremdgeht, oder mir Drohgebärden vorzuschlagen, nur weil jemand mir nicht mein Geld gibt. Das mag vielleicht für andere so funktionieren, aber ich habe vor, meine liebende Seele in den Vordergrund zu stellen, auch wenn der Rest der Welt das vielleicht als unangebracht sieht. Also, liebes Ego, danke für deine tägliche Hilfe auf meinem Lebensweg. Zeige mir bitte weiterhin die Lebensbereiche auf, in denen etwas schief gehen könnte, warne mich bitte vor allen Gefahren dieser Welt und lasse bitte immer mehr die sanfte Stimme der Liebe sprechen, sobald ich in relativer Sicherheit bin.“

Ja, das fühlt sich gut an. Ich möchte nicht mehr gegen mich selbst kämpfen, indem ich heiligen Idealen zu folgen versuche und meinen eigenen inneren Beschützer mit Gewalt in die Ecke dränge. Das macht ungefähr soviel Sinn wie den Wachhund, den man selbst trainiert hat, das Bellen zu verbieten, wenn er eine potentielle Gefahr wittert. Das ist so unfair, wie den Überbringer einer schlechten Nachricht zu bestrafen. Also, liebes Ego, sei für mich da und lass dich von mir wieder beruhigen, wenn die Situation nur halb so wild war 🙂