Ich schlucke meinen Schmerz und meine Wut nicht mehr hinunter. Ich darf mir erlauben, mich auch in dunklen Momenten zu zeigen, mit allem was dazu gehört. Wenn ein Mensch mich schlecht behandelt, dann spiegele ich ihm, was er gerade tut. Ich unterscheide dabei deutlich, ob es nur meine Projektion ist und alter Kindheitsschmerz geweckt wurde, oder ob ich wirklich inakzeptabel behandelt werde und es gut ist, meinem Gegenüber den Spiegel vorzuhalten. Ich erlaube meinem beschützenden Ego, Grenzen auf menschlicher Ebene zu setzen.

Sich mit dem Thema Schuld und Rache auseinander zu setzen und Vergebung zu erlernen ist eine wichtige und mutige Aufgabe, die jeden bewussten Menschen irgendwann im Leben erwartet. Das ist kein Grund zur Sorge, denn erst wenn wir einen bestimmten Grad an Reife erlangt haben, werden wir von unserer inneren Führung in diese Richtung gelenkt, in der all unser Schmerz und all unsere Heilung liegt. Nur dann können wir die Kette von Schuld und Rache zu durchbrechen, die seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weiter läuft.

Ohne diese Auseinandersetzung mit dem Schmerz wiederholen die Eltern bei ihren Kindern die gleichen Fehler, die deren Eltern schon gemacht haben und werden dann von ihren Kindern genauso schuldig gesprochen, wie sie ihre Eltern beschuldigt haben. Oder sie machen das genaue Gegenteil und lassen sich von ihren Kinder missachten und misshandeln, fühlen sich schuldig und falsch. In beiden Fällen wird das Leid wiederholt und fortgesetzt und damit die Kette von Schuld und Schmerz fortgesetzt.

Ein Mensch der als Kind unter seinen Eltern auf irgendeine Weise gelitten hat, und dieses Leid nicht soweit geheilt hat, so das er seine Eltern wieder lieben kann, der trägt den Schmerz seiner Kindheit noch in sich. Dieser Schmerz wird sich dann bei jedem Konflikt wieder zeigen, entweder als Gewalt den eigenen Kindern gegenüber, oder als Gewalt gegen das eigene Selbst, in Form von Krankheit, Sucht, Selbsthass und Schuldgefühlen.

Wenn uns etwas angetan wurde was nun tief in unseren Knochen sitzt, im wahrsten Sinne des Wortes, dann müssen wir etwas Rache üben um dieses Leid wieder aufzulösen und um danach vergeben zu können. Rache ist genau wie Schuld ein Wort, welches sehr oft missverstanden wird und deshalb einen schlechten Ruf hat.

Rache bedeutet nicht, einem Menschen der Schmerz in uns ausgelöst hat willkürlich Schmerz zuzufügen. Das wäre unangemessen, denn höchstwahrscheinlich hat der Schmerz gar nicht so viel mit dem Auslöser zu tun, sondern eher mit uns selbst.

Sich sinnvoll zu rächen bedeutet nur, dem „Täter“ zu spiegeln was er mit uns gemacht hat, indem wir in ihm auf sanfte Weise die Gefühle reproduzieren. Oft braucht ein anderer Mensch diese Erfahrung und ist auch nur deshalb so unsensibel mit uns selbst gewesen. Wir können das in einem Gespräch oder Spiel oder auf eine andere kreative Weise machen.

Das wird diesem Menschen helfen sich mit seinem eigenen Schmerz auseinander zu setzen und ihn nicht rücksichtslos auf andere zu projizieren. Wir Menschen sind nun mal Wesen, die aus Erfahrung lernen und meist wird uns erst klar, was wir anderen alles angetan haben, wenn wir selbst ähnliche Gefühle erleben. Sich an dem „Täter“ zu rächen, ihm also zu zeigen, wie sich seine Taten angefühlt haben, ist ein Akt der Liebe, für beide Seiten. Meist reichen da Worte, sofern der Schmerzverursacher ein einfühlsamer Mensch ist. Wenn nicht, dann können wir uns darauf verlassen, das seine Seele sich die Erfahrung selbst ins Leben holt.

Rache ist ein ganz natürlicher Reflex. Wenn uns jemand schlägt, dann wollen wir zurückschlagen, wenn uns jemand verletzt, dann wollen wir ihn auch verletzen. Der Rache-Instinkt ist eine wichtige Lerneinrichtung, denn wenn wir einem Menschen auf all seine verletzenden Taten und Worte immer mit Nachsicht und Wohlwollen antworten, dann erziehen wir ihn zwangsläufig zu einem Tyrannen, denn er hat keinerlei Rückmeldung wie seine Handlungen auf andere wirken. Normalerweise brauchen wir als Eltern bei unseren Kindern keine Bedenken haben das sie zu Tyrannen werden, da anderen Kinder für diese Rückmeldung sorgen. Bei Kindern funktioniert der Rachereflex noch hervorragend und sie werden immer sofort zurück schlagen, wenn sie angegriffen werden. Das sollte man auch auf keinen Fall unterbinden, weil sie sich sonst nicht selbst erfahren können.

Rache sollte natürlich nicht zu einer Art Blutrache werden, indem wir als Erwachsen unsere Eltern verprügeln, nur weil sie es mit uns damals gemacht haben. Es geht hier darum, den Eltern begreiflich zu machen, wie es uns damals ging, als wir noch klein und hilflos waren. Wenn sie das fühlen und annehmen können, dann ist die Beziehung sofort bereinigt. Dafür reicht meist ein langer Brief, indem man sich gänzlich offenbart und all seinem Schmerz und seiner Wut Ausdruck verleiht. Auch könnte man die Eltern an ihre eignen Kindheit erinnern, denn meist haben sie noch schlimmere Sachen eingesteckt, als sie später ausgeteilt haben.

Bei gesunder Rache geht es also nicht darum den anderen zu verletzen und sich dann an seinem Leid zu ergötzen, sondern nur darum, das der „Täter“ seine Taten versteht und beginnt seinen eigenen Schmerz anzunehmen, den er bisher verleugnet und weitergegeben hat. Natürlich kann das nur funktionieren, wenn auch das „Opfer“ sich seinem Schmerz stellt und ihn in Form von Tränen, Worten und Bewegung gehen lässt.

Wir sollten auch nicht vergessen, das Kinder keine Opfer und Eltern keine Täter sind, denn alles geschieht als Gemeinschaftskreation die immer dem besten aller Beteiligten dient. Ein Mensch der vorhat ein großartiger Psychologe, oder Helfer zu werden, der wird sich eine schwere Kindheit aussuchen, an der er später wachsen kann. Genauso werden Erwachsene, die ihr eigenes Leid noch nicht transzendiert haben, sich zu Situationen hingezogen fühlen, in denen sie dieses Leid erfahren und wiederholen können, damit es ihnen letztendlich bewusst wird und sie es heilen können.

Wenn du in einer solchen Position bist, und bemerkst, das du dir selbst, oder anderen Menschen Leid zufügst, dann kannst du dieses Leid auflösen, indem du an deinen „Tätern“ Rache übst, also dich ihnen in deinem Wutschmerz offenbarst und deine „Opfer“ um Vergebung bittest, indem du ihnen sagst, das es dir leid tut und du ihr Leid verstehen kannst, weil du es selbst schon erlebt hast. Vergebung geschieht immer durch Kommunikation in Liebe.

Viele Menschen kommunizieren ihren Schmerz instinktiv, weil sie im Innersten wissen, das das die beste Lösung ist um sich und die Situation zu bereinigen. Andere scheuen davor zurück, weil sie befürchten, das ihre Worte und Briefe von den „Tätern“ und „Opfern“ nicht so gern gesehen werden. Das spielt aber auch gar keine Rolle, weil alle Worte und Gedanken auf der Seelenebene ankommen und die Heilung trotzdem geschieht. Das wirst du daran merken, das du dich wie neugeboren fühlst, wenn du dir all den Groll auf deine „Täter“ von der Seele geredet oder geschrieben hast.

Das es in Wirklichkeit keine Täter und Opfer im klassischen Sinne gibt, erkennen wir auch daran, das sich andere Menschen manchmal verletzt fühlen, ohne das wir irgendetwas getan haben, was diese Reaktion rechtfertigt. Wir haben vielleicht etwas gesagt, was eine schmerzhafte Kindheitserinnerung in unserem Gegenüber ausgelöst hat und plötzlich ist der andere sehr wütend und verletzt. In solchen Fällen ist es absolut wichtig den eigenen Stolz etwas zurück zu stecken und sich klar zu machen, das es kein Zufall ist, das diese Situation gerade geschieht. In 100% aller Fälle hat auch der „unschuldige“ Schmerzauslöser ein Thema in diesem Bereich und tut sehr gut daran, sich damit und auch mit dem schmerzhaft Verletzten in Liebe auseinanderzusetzen, also sich selbst und dem anderen zu vergeben. Vergebung geschieht durch offene und liebevolle Annahme dessen was gerade ist. Sei es Schmerz, Wut, Hass, Stagnation, Groll oder Verzweiflung. Lass einfach alles da sein, atme tief und warte bis die Welle über dich und deinen Partner hinweg gerollt ist. Wenn du es nicht aushältst gemeinsam mit dem anderen diese Gefühle zu ertragen, dann geh in dein Zimmer und tu es für dich im All-ein-sein.

Solche Situationen sind ein Segen, auch wenn sie sich wie die Hölle anfühlen. In solchen Momenten der absoluten Ehrlichkeit und Hingabe werden uralte Leidensmuster geheilt und wir leisten damit nicht nur uns selbst, sondern der ganzen Menschheit eine unermesslichen Dienst. Das Resultat sind Liebe, Harmonie und Frieden.