Der Beziehungsraum ist ein emotionaler Raum, der von Nähe und Distanziertheit beider Partner bestimmt wird. Desto kuscheliger und symbiotischer die Beziehung ist, desto enger ist der Beziehungsraum. Und meist auch die physische Wohnung des Paares, wo beide Partner nicht einmal mehr ein eigenes Zimmer haben. Diese Art von Beziehung ist für eine Weile sehr nährend und erfüllend, wird aber nach einiger Zeit auch als beengend wahrgenommen. Das Gegenteil davon ist ein sehr weiter Beziehungsraum, in dem beide Partner vielleicht eine eigene Wohnung haben und ihren eigenen Interessen und Freundschaften nachgehen. In diesem Beziehungskonstrukt haben beide Partner das Glück in sich selbst gefunden und brauchen den Partner nicht um sich vollständig zu fühlen. Sie teilen Liebe und Sexualität miteinander, sehen sich aber nicht so häufig, da es viele Gemeinsamkeiten braucht um Arbeit, Freundschaft, Urlaub, Beziehung, halt das gesamte Leben so zu synchronisieren, das es noch Schnittmengen gibt. Welcher Beziehungsraum ist also optimal?

Es ist nicht so einfach hier eine endgültige Lösung oder Balance zu finden, weil jeder Mensch verschieden ist und sich Bedürfnisse über die Jahre wandeln. Da die Weite des Beziehungs-Raumes auch die Art der Beziehung bestimmt, ist es wichtig sich schon am Anfang über die eigenen Bedürfnisse und die des Partners klar zu werden und mit dem Partner darüber zu reden. Nur weil am Anfang Liebe und Anziehung da ist, heißt das ja noch lange nicht, das beide eine Paarbeziehung wollen, bzw. dazu überhaupt fähig sind. Und selbst wenn sich eine Paarbeziehung entwickelt, besteht immer noch die Möglichkeit, das kindliche Bindungsmuster die Beziehung in eine Symbiose, eine Freundschaft, oder in eine Eltern-Kind Beziehung verwandeln.

Eine Freundschaft zum Beispiel hat einen sehr weiten Beziehungsraum. Freunde wohnen selten zusammen, und teilen noch seltener das Bett. Jeder lässt den anderen völlig frei, gibt ihm Raum zu tun und lassen was er will, außer wenn das Verhalten verletzend wird. Wenn Bedürfnisse und Gemeinsamkeiten zu weit auseinander driften, dann löst sich die Freundschaft auf, was meist nicht so schmerzhaft ist, weil das Ende einer freundschaftlichen Bindung von Natur aus nicht unser Überleben bedroht.

In einer Eltern Kind Beziehung ist das schon ganz anders. Das Kind ist auf Leben und Tod von seinen Bezugspersonen abhängig und bekommt Todes-Panik, wenn diese sich zu weit von ihm entfernen. Der Beziehungsraum ist in den ersten Monaten nur wenige Meter groß und die meisten Eltern fühlen das intuitiv und passen sich den Bedürfnissen des Kindes an. Wenn sie das nicht tun, dann wird das Kind schwer traumatisiert, was später wiederum zu vielen Beziehungsproblemen führt. Im Laufe der Kindesentwicklung wird das Bedürfnis nach Raum, von Seiten des Kindes, immer größer. Wenn die Eltern ihre Rolle gut spielen, dann passen sie sich dem an und geben dem Kind genau den Raum, den es braucht. Das bedeutet ganz praktisch, das sie immer für das Kind da sind, aber keine Forderungen stellen. Sie lassen frei und halten den Raum. Das macht Eltern aus. Das Kind fühlt sich darin sehr wohl und reizt diese Rolle immer stärker aus, bis es sich irgendwann ganz ablöst. Wenn das nicht erlaubt wird, dann kommt es in der Pubertät zu starken Protestreaktionen. Die Ablösung von den Eltern beginnt mit 14 und sollte eigentlich mit 16 abgeschlossen sein. Da unser Leben heute fast doppelt so lang ist, wie in der Vergangenheit, werden Kinder erst mit 18 freigegeben, was aber zu vielen Konflikten führt, da Kinder meist schon mit 15 stark ihre Unabhängigkeit einfordern.

In einer festen Partnerschaft wird der Beziehungsraum von beiden Partnern einvernehmlich definiert. Meist relativ schnell, weil sich da schon entscheidet, ob die Beziehung funktioniert oder nicht. Im Idealfall haben beide Partner ähnliche Ansprüche, was die Häufigkeit und Intensität von Nähe, Kuscheln, Sex, Liebe, Zärtlichkeit, zusammen oder getrennt leben, betrifft. Wie gesagt, im Idealfall. Oft sieht es leider so aus, das ein Partner in seiner Entwicklung in Kindheit oder Jugend stecken geblieben ist und sich so viel Raum nimmt, wie er gerade braucht, ohne Rücksicht auf sein Gegenüber. Wenn das Gegenüber nicht mitspielt, geht der Raumnehmer aus dem Kontakt, oder sogar ganz aus der Beziehung heraus. Dieses sich entziehen hat manchmal die Folge, das der Raumgeber in eine Elternrolle schlüpft und den Raumnehmer wie ein geliebtes Kind betrachtet. Das kann sich für beide Partner sogar richtig gut anfühlen, bringt aber den Sex zum Erliegen, denn in einer Eltern-Kind Beziehung hat man nun mal keinen Sex. Eine weitere Konsequenz kann sein, das der Raumgeber sich nun selbst mehr Raum nimmt und sich auch ganz frei anderen Menschen zuwendet, vielleicht auch intime Kontakte eingeht. Wenn das der Fall ist, dann ist der kindliche Raumnehmer meist sehr verletzt, denn das weckt tiefsten Kindheitsschmerz.

Wie kann man nun in einer Beziehung ein gesundes Raum-Verhältnis zueinander finden? Wieviel Frei-Raum ist ideal? Gibt es überhaupt ein Ideal?

Nun, das muss jedes Paar für sich selbst definieren. Für mich ist eine starke Nähe ideal, die natürlich auch genug Raum zum atmen lässt. Sexuelle Treue ist ebenso wichtig, denn nur so kann Vertrauen aufgebaut werden. Wenn meine Partnerin z.B. sich den Raum nimmt, erotisch liebend auf andere Menschen zuzugehen, dann funktioniert das nur nach einer Trennung unserer Mann-Frau Beziehung, oder wenn ich ihr den Raum innerhalb der Beziehung gebe. Dafür muss ich mich aus meiner Mann-Rolle heraus begeben, denn der Mann in mir findet es absolut inakzeptabel, wenn meine Freundin mit anderen Männern Sex hat. Ich muss mich dafür in die Elternrolle begeben, oder in die Rolle eines Freundes. Denn nur in einer dieser Rollen, kann ich mit Liebe meiner bisherigen Freundin alles gute wünschen, auf ihrem Weg in die Selbstfindung. Das fühlt sich für meine raumnehmende Partnerin für einen Augenblick toll an: endlich wieder so lebendig und ungebunden wie in der Jugend! Zwei Wochen später bemerkt sie, das ich keinen Sex mehr mit ihr haben kann, denn das entspricht nicht meiner Rolle. Einen Monat später erkennt sie, das diese Freiheit, zu tun was sie will, von einem Partner, von Freunden, von Eltern, oder Gesellschaft getragen wird. Freiheit fühlt sich nur in Sicherheit gut an. Es gibt nur sehr wenige mutige Menschen, die in eine Zeit des allein seins gehen, um sich selbst und die Beziehung zu hinterfragen, welche gerade auf dem Spiel steht.

Ein weiterer Grund, den Beziehungsraum nicht allzu weit zu machen, ist unsere begrenzte Fokus-Kraft: wenn ein oder beide Partner sich anderen Menschen erotisch öffnen, dann verliert die Beziehung automatisch an Qualität, weil wir als Mensch in einer romantischen Paarbeziehung einen relativ engen Fokus haben, der sich immer nur auf einen Partner richten kann. Das, worauf sich der Fokus richtet, wird verstärkt und das, wovon er abgezogen wird, zerfällt. In einer Beziehung ohne häufigen und tiefen Fokus auf den Partner ist Liebe und Sex nicht mehr so innig, oder verschwindet ganz. Das Herz des zurück gelassenen Partners verschließt sich, oder öffnet sich auch für jemand neuen. Wenn wir uns anderen Menschen erotisch liebend öffnen, dann ist das eine sehr starke Störung des Beziehungsraumes, und oft das Ende der Beziehung.

Selbst bei Polyamorie-Verfechtern konnte ich immer wieder feststellen, das sie nur aus der Angst vor dem allein sein ihren Liebesfokus auf mehrere Menschen verteilen. Nach dem Motto: „Wenn ich viele Partner habe, ist es nicht so schlimm, wenn einer geht. Auch wird die Beziehung nicht tief, abhängig und verpflichtend, was gut ist, denn damit habe ich auch keine guten Erfahrungen gemacht.“ Nach ein paar Jahren ist dieses oberflächliche Flirten und Affären haben aber den meisten Menschen zu viel, und sie finden wieder einen Partner, der perfekt zu ihnen passt und eine Paarbeziehung möglich macht.

Dann gibt es auch noch die Rolle des Liebhabers. Sie wird von Menschen eingenommen, die Angst vor Verantwortung in Beziehung haben. Der Liebhaber ist nie wirklich erwachsen geworden und will immer nur spielen und Abenteuer haben, wie es Kinder und Jugendliche nun mal so wollen. Der Liebhaber wird dabei von einem Netz aus Gönnern getragen, oft vom anderen Geschlecht. Er (oder sie) ist meist ein schöner und strahlender Mensch, denn nur so kann er die Rolle überhaupt leben. Liebhaber sehnen sich trotzdem nach Stabilität im innen und außen, können sie aber selbst nicht lange halten, da sie zu viel Angst vor wirklicher Bindung haben. Sie haben als Kind die Bindung zu den Eltern als verletzend erlebt und gehen lieber immer wieder zu einem neuen Partner, bevor es zu tief und zu innig wird. Die Sehnsucht nach Innigkeit wohnt tief in ihrem Herzen und wird in kurzen Momenten intensiv gelebt. Dann wird die Tür schnell wieder verschlossen, bevor eine Bindung entsteht. Der Liebhaber ist meist nicht ganz ehrlich zu seinen neuen Partnern und diese wollen auch meist gar keine wirkliche Ehrlichkeit. Wenn der Liebhaber nicht so charmant wäre und seinen Eroberungen ganz klar sagen würde: „Du, ich bin eigentlich beziehungsunfähig und will nur mal kurz mit dir rummachen und dich in zwei Wochen mit einem neuen Spielzeug ersetzen“ dann würde seine Erfolgsquote in den Keller gehen. Denn selbst die verletzen Menschen, die sich auf ihn intuitiv einlassen um ihre Verletzung gespiegelt zu bekommen, würden das nur selten tun, wenn sie von vornherein wüssten, was Fakt ist.

Wenn absolute Ehrlichkeit vorherrscht, dann bekommt die Rolle des Liebhabers den Stempel Prostitution. Auch eine sehr effektive Institution um eigenes Wachstum auf Seiten der Nehmenden zu vermeiden. Solange es Prostituierte und Liebhaber gibt, wird es Menschen ermöglicht, Sexualität und Intimität zu erleben, ohne innerlich reif dafür zu sein. Das ist für einen Moment ok, sollte aber keine Dauerlösung werden. Es ist viel hilfreicher sich alleine in Verbindung mit der eigenen Seele, oder in einer stabilen Paarbeziehung mit dem Themen Nähe – Distanz, Enge – Raum, Abhängigkeit – Unabhängigkeit auseinanderzusetzen. Im Schmelzkessel intensiver Nähe und absoluter Offenheit wird Wachstum und die Auflösung von kindlichen Traumata stark beschleunigt. Manchmal so stark das es einer, oder beide es nicht aushalten und ausbrechen. Dann werden begleitende Therapie und gute Freundschaften wichtig.

Fragen, die dir Klarheit bringen:

Wie eng oder weit mag ich meine Beziehung? Wieviel Raum brauche ich für mich selbst und wieviel braucht mein Partner?

Ist Sexualität außerhalb der Beziehung erlaubt, oder zu schmerzhaft? Was hält die Beziehung noch zusammen, wenn die Energie woanders hin fließt?

Wie gut kann ich mich auf die Beziehung einlassen und meine alten Beziehungsängste loslassen?

Passt meine Kuscheligkeit oder Distanziertheit zu der meines Partners?

Welche Rollen habe ich bereits in meinen Beziehungen eingenommen?

Wie fühlt es sich an, der Raumnehmende zu sein, sich innerlich und erotisch für andere Menschen zu öffnen? Wie reagiert mein Partner darauf und was macht diese Reaktion wiederum mit mir?

Wie fühlt es sich an, der Raumgebende zu sein und hohen Idealen von absoluter Freiheit zu folgen? Habe ich noch Lust auf meinen Partner, wenn ich weiß, das er mit anderen im Bett war? Wie weit kann ich loslassen, ohne meine erotische Liebe für den Partner zu verlieren?

Wie gefällt mir die Rolle des Liebhabers? Wie erfüllend ist es, der zeitweilige Partner eines Liebhabers zu sein? Will ich eigentlich mehr, kann es aber nicht, aus Angst vor Verantwortung und dem Beziehen meines eigenen Standpunktes?

Was bedeutet es für mich in einer festen Paarbeziehung zu sein? Macht mir das Sorge, oder Freude? Welche Rolle will ich in Zukunft in meinem Leben einnehmen?