Eine Kernfrage die in Beziehungen immer wieder auftaucht, ist die des Raum gebens. Wie eng oder weit mag ich die Beziehung? Was möchte mein Partner? Ist Sexualität außerhalb der Beziehung erlaubt, oder zu schmerzhaft? Was hält die Beziehung noch zusammen, wenn die Energie woanders hin fließt? Wie gut kann ich mich auf die Beziehung einlassen und meine alten Beziehungsängste loslassen? Passt meine Kuscheligkeit oder Distanziertheit zu der meines Partners?

Es ist nicht so einfach hier eine endgültige Lösung oder Balance zu finden, weil Bedürfnisse sich über die Jahre wandeln. Da die Weite des Beziehungs-Raumes auch die Art der Beziehung bestimmt, ist es wichtig sich schon am Anfang über die eigenen Bedürfnisse und die des Partners klar zu werden und mit dem Partner darüber zu reden. Nur weil am Anfang Liebe und Anziehung da ist, heißt das ja noch lange nicht, das beide eine Paarbeziehung wollen, bzw. dazu überhaupt fähig sind. Und selbst wenn sich eine Paarbeziehung entwickelt, besteht immer noch die Möglichkeit, das kindliche Vermeidungsmuster die Beziehung in eine Frendschaft, oder Eltern-Kind Beziehung verwandeln.

Eine Freundschaft zum Beispiel hat einen sehr weiten Beziehungsraum. Jeder lässt den anderen völlig frei, gibt ihm Raum zu tun und lassen was er will. Außer wenn das Verhalten verletzend wird natürlich. Wenn Bedürfnisse und Gemeinsamkeiten zu weit auseinanderdriften, dann löst sich die Freundschaft auf, was meist nicht sooo schmerzhaft ist, weil das Ende einer freundschaftliche Bindung von Natur aus nicht unser Überleben bedroht.

In einer Eltern Kind Beziehung ist das schon ganz anders. Das Kind ist auf Leben und Tod von seinen Bezugspersonen abhängig und bekommt Todespanik, wenn diese sich zu weit von ihm entfernen. Der Beziehungsraum ist in den ersten Monaten nur wenige Meter groß und die meisten Eltern fühlen das intuitiv und passen sich den Bedürfnissen des Kindes an. Wenn sie das nicht tun, dann wird das Kind schwer traumatisiert, was später wiederum zu all den Beziehungsproblemen führt, die wir kennen. Im Laufe der Kindesentwicklung wird das Bedürfnis nach Raum von Seiten des Kindes immer größer. Wenn die Eltern ihre Rolle gut spielen, dann passen sie sich dem an und geben dem Kind genau den Raum den es braucht. Das bedeutet ganz praktisch, das sie immer für das Kind da sind, aber keine Forderungen stellen. Sie lassen frei und halten den Raum. Das macht Eltern aus. Das Kind fühlt sich darin sehr wohl und reizt diese Rolle immer stärker aus, bis es sich irgendwann ganz ablöst. Wenn das nicht erlaubt wird, dann kommt es in dee Pubertät zu starken Protestreaktionen. Die Ablösung von den Eltern beginnt mit 14 und sollte eigentlich mit 16 abgeschlossen sein. Da unser Leben heute fast doppelt so lang ist, wie in der Vergangenheit, werden Kinder erst mit 18 freigegeben, was aber zu vielen Konflikten führt, da Kinder meist schon mit 15 stark ihre Unabhängigkeit einfordern.

In einer festen Partnerschaft wird der Beziehungsraum von beiden Partnern einvernehmlich definiert. Im Idealfall 🙂 Oft sieht es leider so aus, das ein Partner in seiner Entwicklung in Kindheit oder Jugend stecken geblieben ist und sich so viel Raum nimmt wie er gerade braucht, ohne Rücksicht auf sein Gegenüber. Wenn das Gegenüber nicht mitspielt, geht der Raumnehmer aus dem Kontakt, oder sogar ganz aus der Beziehung heraus. Dieses sich entziehen hat manchmal die Folge, das der Raumgeber in eine Elternrolle schlüpft und den Raumnehmer wie ein geliebtes Kind betrachtet. Das kann sich für beide Partner richtig gut anfühlen, bringt aber den Sex zum Erliegen, denn in einer Eltern-Kind Beziehung hat man nun mal keinen Sex. Eine andere Konsequenz kann sein, das der Raumgeber sich nun selbst Raum nimmt und auch sich ganz frei anderen Menschen zuwendet, vielleicht auch intime Kontakte aufnimmt. Wenn das der Fall ist, dann ist der kindliche Raumnehmer meist sehr verletzt, denn das weckt tiefsten Kindheitsschmerz, weil seine Eltern auch schon im Kindesalter nicht wirklich da waren. Oder zuviel vom Kind wollten. Oder beides.

Wie kann man nun in einer Beziehung ein gesundes Raum-Verhältnis zueinander finden? Wieviel Frei-Raum ist ideal? Gibt es überhaupt ein Ideal?

Nun, das muss jedes Paar für sich selbst definieren. Für mich ist eine starke Nähe ideal, die natürlich auch Raum zum atmen lässt. Treue ist ebenso wichtig, da nur so Vertrauen da sein kann. Wenn ein Partner untreu ist und sich erotisch liebend anderen Partnern öffnet, dann funktioniert das nur, wenn der andere den Raum gibt. Dieser Raumgebenden rutscht dadurch automatisch in die Elternrolle, oder in die Rolle eines Freundes. Das fühlt sich für den Freiheitnehmenden für einen Augenblick toll an: endlich wieder so lebendig und ungebunden wie in der Jugend! Er vergisst dabei völlig, das diese Freiheit, von einem Partner, von Eltern, oder Gesellschaft getragen wird und Freiheit sich nur in Sicherheit gut anfühlt.

Wenn beide Partner sich anderen Menschen erotisch öffnen, dann verliert die Beziehung automatisch an Qualität, weil wir als Mensch einen relativ enge Fokus haben, der sich immer nur auf eine Sache richten kann. Das worauf sich der Fokus richtet, wird verstärkt und das wovon er abgezogen wird, zerfällt. In einer Beziehung, die keinen bewussten Fokus mehr erhält ist Liebe und Sex nicht mehr so innig, oder verschwindet ganz, das Herz des zurück gelassenen verschließt sich, oder öffnet sich auch für jemand neuen.

Dann gibt es auch noch die Rolle des Liebhabers. Sie wird von Menschen eingenommen, die Angst vor Verantwortung in Beziehung haben. Der Liebhaber ist nie wirklich erwachsen geworden und will immer nur spielen und Abenteuer haben, wie es Kinder und Jugendliche nun mal so wollen. Der Liebhaber wird dabei von einem Netz aus Gönnern getragen, oft vom anderen Geschlecht. Er (oder sie) ist meist ein schöner und strahlender Mensch, denn nur so kann er die Rolle überhaupt leben. Liebhaber sehnen sich trotzdem nach Stabilität im innen und außen, können sie aber selbst nicht lange halten, da sie zuviel Angst vor wirklicher Bindung haben. Sie haben als Kind die Bindung zu den Eltern als verletzend erlebt und gehen lieber immer wieder zu einem neuen Partner, bevor es zu tief und zu innig wird. Die Sehnsucht nach Innigkeit wohnt tief in ihrem Herzen und wird in kurzen Momenten intensiv gelebt. Dann wird die Tür ganz schnell wieder verschlossen, bevor eine Bindung entsteht. Der Liebhaber ist meist nicht ganz ehrlich zu seinen neuen Partnern und diese wollen auch meist gar keine wirkliche Ehrlichkeit. Wenn der Liebhaber nicht so charmant wäre und seinen Eroberungen ganz klar sagen würde: „Du, ich bin beziehungsunfähig und will nur mal kurz mit dir rummachen und dich in zwei Wochen mit einem neuen Spielzeug ersetzen“ dann würde seine Erfolgsquote in den Keller gehen. Denn selbst die verletzen Menschen, die sich auf ihn intuitiv einlassen um ihre Verletzung gespiegelt zu bekommen, würden das nur selten tun, wenn sie von vornherein wüssten, was Fakt ist.

Wenn absolute Ehrlichkeit vorherrscht, dann bekommt die Rolle des Liebhabers den Stempel Prostitution. Auch eine wunderbare Institution um eigenes Wachstum auf Seiten der Nehmenden zu vermeiden. Solange es Prostituierte und Liebhaber gibt, wird es Menschen ermöglicht, Sexualität und Intimität zu erleben, ohne innerlich reif dafür zu sein. Das ist für einen Moment ok, sollte aber keine Dauerlösung werden. Es ist viel hilfreicher sich alleine in Verbindung mit der eigenen Seele, oder in einer stabilen Paarbeziehung mit dem Themen Nähe – Distanz, Enge – Raum, Abhängigkeit – Unabhängigkeit auseinanderzusetzen. Im Schmelzkessel intensiver Nähe und absoluter Offenheit wird Wachstum und die Auflösung von kindlichen Traumata stark beschleunigt. Manchmal so stark das es einer, oder beide es nicht aushalten und ausbrechen. Dann werden begleitende Therapie und gute Freundschaften wichtig.

Wenn du magst, dann schau doch gerne mal in dich, in welcher Rolle du dich gerade befindest und welche Rollen du bisher in deinem Leben schon gespielt hast und noch spielen möchtest.