Mitgefühl ist ein Balanceakt. Wenn wir uns voller Mitgefühl in eigenes oder fremdes Leid vertiefen, dann verstärken wir das Probleme – denn alles, was wir in unserem Bewusstsein halten, zieht mehr des selben an. So funktioniert das Resonanzgesetz nunmal. Wenn wir aus Angst vor dieser Verstärkung das Problem kategorisch von uns weisen, dann ist unser Fokus immer noch auf Angst gerichtet, was ebenso mehr Leid erzeugt. Wie gehen wir dann also sinnvoll mit Leid, Krankheit und anderen Schattenseiten des Lebens um?

Leid und Krankheit sind immer ein Hilferuf des Körpers und der Seele. Wir können ebenso mit Liebe und Verständnis reagieren, statt mit Ablehnung und Verdrängung. Wir können uns selbst und unsere Mitmenschen daran erinnern, das wir alle wundervolle, schöpferische und liebende Wesen sind, die sich Leid und Freude als Erfahrung erschaffen, um eine Welt der Gegensätze erleben zu können.

Wenn wir jemanden, meist unabsichtlich, verletzt haben, dann sagen wir im Normalfall „Es tut mir Leid“. Dieses „Tut mir Leid“ hat eine tiefe Bedeutung, die direkt im Wortlaut enthalten ist: Es bedeutet, das das Leid, welches wir in unserem Gegenüber ausgelöst haben, auch das eigene ist, denn wir sind auf tieferen Ebenen absolut mit allem und allen verbunden. Wenn wir das erkennen, dann kann Heilung und Vergebung genauso schnell geschehen, wie Verletzung geschehen ist. Dann nehmen wir den Schmerz und das Leid im anderen ebenso liebevoll an, wie in uns selbst.

Es ist genau dieses Mitgefühl und die liebevolle Annahme des Schmerzes, die heilt. Wenn wir das Leid unserer Mitwesem, sei es Tier, Mensch, oder Pflanze in Liebe annehmen können, dann wird es möglich auch uns selbst mit all unserem Leid zu lieben. Natürlich könnten wir auch ohne ein Gegenüber, ohne einen Spiegel im außen unser persönliches Leid transformieren, doch mit der Hilfe unserer Mitmenschen ist der Weg viel schneller und sicherer, da wir uns in einer Beziehung nicht selbst belügen können und unsere Partner uns sehr deutlich zeigen, wie weit wir wirklich mit der Herzöffnung gekommen sind.

Gerade unter spirituellen Menschen ist es in Mode gekommen, das Leid der anderen als Illusion anzusehen und leidenden Menschen gerade in den schwersten Momenten zu sagen: “Du, das ist alles nicht echt, du hast dir dieses Leid selbst in deinem Geist erschaffen und wenn du irgendwann auch so erleuchtet bist wie ich, dann wirst du das verstehen und loslassen können.“ Nun, wenn das so einfach wäre, dann würde es jeder tun, denn niemand leidet gerne.

Doch Leid ist nur das polare Gegenstück von Freude und gehört zu unserer Welt der Dualität wie die Nacht zum Tag. Solange wir uns mitten in der Dualität befinden und sie mit jedem Gedanken annehmen und aufrecht erhalten, werden wir sie auch mit aller Konsequenz erfahren. Wir können Illusionen leider nicht teilweise loslassen. Was wir aber sehr wohl tun können, ist, unsere Illusionen mit Liebe und Verständnis zu betrachten. Wir können sie als Gelegenheit sehen um Liebe zu geben, statt sie zu unserem eigenen Lustgewinn zu benutzen.

Indem wir unseren Verstand mit all seinen Abwehr- und Schutzmechanismen für einen Moment ruhen lassen und unser Herz total öffnen, werden wir wahre Freude und wahren Schmerz erfahren und das ist gut so, denn Schmerz der mit offenem Herzen angenommen wird, löst sich in Liebe auf.

Natürlich ist es leicht, sich nicht vom weltlichem Leid anderer berühren zu lassen, wenn wir intelligent sind und unser empfindliches Herz hinter unserem brillantem Verstand verstecken. Eine ganz andere Sache ist es, wenn wir dann auf einmal selbst mit unseren Abhängigkeiten und Anhaftungen konfrontiert sind und auf einmal keine Erklärung mehr haben, weil unser Verstand einfach versagt im Angesicht emotionalem oder körperlichen Schmerzes.

Dann ist eine Heilungskrise präsent und wir können sie nutzen, indem wir uns völlig hingeben, alle Konzepte und Ideen vergessen und den Schmerz das Herz öffnen lassen. Meist ist emotionaler Schmerz genau das: Der Auftau-Schmerz eines sich öffnenden Herzens, welche vorher verschlossen und kalt war. Das ist sind wundervolle und heil(ig)e Momente, die wir auf keinen Fall mit Alkohol, Arbeit, Ablenkung und anderen Ausflüchten betäuben sollten.